Grätchenfrage
Am gestrigen Mittwoch hat es ja wieder einmal heftig geknallt am
Himmel über Deutschland. Die Wetterberichte haben es ja vorhergesagt.
Und auf unserer Bodenwetterkarte zeigte sich ein Phänomen, das man in
solchen Lagen häufiger Beobachten kann (unter "Thema des Tages ->
mehr" finden Sie die Bodenwetterkarte von gestern um 6 Uhr Weltzeit).
Neben der eigentlichen Front, die noch über der Nordsee und
Frankreich liegt, kann man eine an eine Fischgräte erinnernde
Struktur erkennen. Vielleicht stellt sich mancher Betrachter deswegen
nicht die Gretchen- sondern die Grätchenfrage: Was verbirgt sich
hinter dem Grätchen?
Es handelt sich dabei um eine Konvergenzlinie. Dies ist ein meist
linienartiger Bereich innerhalb einer Luftmasse, in dem die Luft aus
verschiedenen Gebieten aufeinander zuströmt, also konvergiert. Bei
einer solchen Konvergenz ergibt sich für die Luft immer ein Zwang zum
Ausweichen. Tritt sie wie gestern bodennah auf, so muss die Luft
zwangsläufig aufsteigen. Aus einer solchen Situation resultiert also
Hebung. Je nach Stärke dieser Hebung setzt Wolkenbildung ein. Starke
Konvergenzen können sogar Unwetter hervorrufen.
Und die Wetterphänomene von gestern tragen die Vorsilbe "un"
vollkommen zu Recht. Zwei Schwerpunkte kann man rückblickend
erkennen.
Der erste liegt im östlichen Niedersachsen. Hier war die
(Gewitter-)Zelle bei Celle besonders intensiv. Von 14 bis 20 Uhr
fielen in der Stadt 62 mm Regen (Liter Regen auf den Quadratmeter) -
verursacht durch die Konvergenzlinie. Danach brachte die eigentliche
Front noch einmal um die 20 Liter. Alles in allem, in den 18 Stunden
von gestern 14 Uhr bis heute morgen 8 Uhr, 82,6 mm - mehr, als sonst
im gesamten Juni fallen. Damit bildet Celle den Schwerpunkt eines
Gebietes mit Starkniederschlägen, das sich von der Unterelbe über
Nordhessen und das östlichen Nordrhein-Westfalen bis nach Thüringen
erstreckte.
Der zweite Schwerpunkt lag - und liegt aktuell leider immer noch - am
Alpenrand bzw. im südlichen Bayern. In München 92, auf dem
Hohenpeißenberg 96, in Isen 83, in Rosenheim 64 - flächendeckend
zwischen Bodensee und Inn 30 bis 100 mm Regen in 24 Stunden. Damit
liegt das schlimmste hinter uns, aber das Ende ist trotzdem noch
nicht erreicht. Die Niederschläge lassen im Süden am heutigen
Donnerstagnachmittag nach, aber auch die kommenden Tage bleiben dort
und auch im übrigen Land nicht wirklich trocken.
Am Beispiel einer solchen Wetterlage wird klar, was ein Grätchen für
Goethes Gretchen bedeuten kann.
"Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleit' nach Hause gehen"
sagt sie zu Faust in Goethes gleichnamiger Tragödie, nachdem dieser
ihr seine Begleitung angeboten hat.
Gretchens Entscheidung kommentieren wir nicht.
Aber wir empfehlen für den Weg dringend einen (eigenen) Regenschirm.
Dipl.-Met. Martin Jonas
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
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